So geht Lokaljournalismus

Von Joachim Widmann

Ein Facebook-Post mit Folgen – auf eine meiner Kritiken an lahmem Lokaljournalismus mit Ein-Quellen-Recherchen und derlei Macken mehr antwortete ein Kollege sinngemäß: Stimmt schon, nur jetzt werde konkret und gib den armen Kollegen draußen im Feld mal Lebenshilfe.

Das mache ich gern, wenn es auch das Seminar „Neuer Lokaljournalismus“ kannibalisiert, das ich regelmäßig an der Berliner Journalisten-Schule gebe. Ich wähle (bitte die Ironie beachten) den Guru-Modus „Zehn Gebote“.

So also geht publikumswirksamer Lokaljournalismus, der auch junge Leser erreicht:

1. Vermeide Verlautbarungen! Besonders jüngere Leser können mit abstrakten Berichtsformen nichts anfangen. Sie lehnen opportunistische Ein-Quellen-Artikel, und damit den Großteil der lokalen und regionalen Wirtschafts- und Politikberichterstattung, mangels Glaubwürdigkeit ab. Wo nichts geschieht, außer dass Bekanntes kolportiert oder ein Funktionär mit seinem Eigenlob zitiert wird: Weglassen, kürzen bis auf den einen Absatz, in dem alles Wichtige stehen kann.

2. Kein Widerspruch: Aktiviere Verlautbarungen zu Stories! Nicht alles, was nach Ein-Quellen-Recherchen geschrieben werden könnte, ist irrelevant. Im Gegenteil – im Lokalen ist praktisch alles wichtig, was Menschen in der Region tun oder was sie betrifft. Doch gibt es andere Möglichkeiten als das durchgeschriebene Interview mit dem Eigenlober oder gar den ausufernden Frage-Antwort-Wortlaut auf einer Dreiviertelseite. Und nein, auch als Video im Internet ist so eine Stichwortgeberei kein junges Format. Glaubwürdig wird die Vermittlung derselben Information, wenn man sie am Ort recherchiert und unmittelbar schildert.

Beispiel: Ein Geschäftsführer sagt, die Entwicklungsabteilung seines Unternehmens sei besonders innovativ, und da arbeiteten nur witzige, kreative Leute. Statt ihn dies unhinterfragt behaupten zu lassen, bietet sich hier ein Gruppenporträt dieser Abteilung an mit Reportageelementen, die nebenher die Frage beantworten: Was machen die da eigentlich den ganzen Tag?

3. Geh grundsätzlich nah heran. Vermeide, über den Kopf der Leute hinweg zu berichten. „Wir brauchen eine bessere Kita-Infrastruktur“ – wohlfeiles Lippenbekenntnis eines Politikers, aber betroffen sind in erster Linie die jungen Eltern sowie, als Steuerzahler, die, die dafür aufkommen müssen, also praktisch alle. Die Pflicht, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen, besteht immer bei Segnungen. Viel zu oft beweihräuchern sich in der Zeitung irgendwelche Interessenvertreter dafür, die Forderungen irgendwelcher anderer Interessenvertreter erfüllt zu haben, um Dritte zu beglücken. Wie oft fragst du die angeblich Beglückten, wie die Lage wirklich ist und ob ihre Interessen tatsächlich bei den Aktivisten gut aufgehoben sind? Das gilt natürlich auch im Fall, dass Funktionäre aus politischem Interesse etwas in Grund und Boden kritisieren – die Betroffenen und die Akteure selbst müssen im Mittelpunkt deiner Berichterstattung stehen.

4. Sei kritisch! Damit dies nicht missverstanden werde: Kritik heißt, dass man sich ehrlich zu einer Sache äußert, nicht, dass man sie grundsätzlich schlecht finden soll. Nur wer loben kann, bleibt im Tadel glaubwürdig. Und umgekehrt.

Und denke daran, dass du ein Profi mit Neutralitätspflicht bist. Dein Tennispartner sollte so sicher mit deinem Tadel rechnen müssen, wie dein Tennisgegner auf dein Lob zählen können sollte. Wenn der Leser den Eindruck hat, du bedienst mit deinen Berichten nur deine Kumpel, wirst du ihn nicht gewinnen.

5. Sei offen! „Hier passiert ja nix“, sagte der Lokalredakteur und rief beim Pressesprecher des Landrates an, ob es Neues gebe. Falsch, du kommst ohne Pressemitteilungen aus. Jede vorstehende Gehweg-Platte, jede ärgerlich lange Ampelphase, jede Dreck-Ecke, jeder Riss in der Mauer eines öffentlichen Gebäudes, aber auch  jedes besonders schön gepflegte Beet, der auffällige Oldtimer im Schaufenster eines Autohauses, die Optimisten-Regatta auf dem Baggersee, oder ja, auch die besonders liebevoll gehäkelte Hülle fürs Reserveklopapier im Café am Markt kann lokal zum Thema werden. Die Welt ist voller Details, hinter denen Geschichten stecken mit Akteuren und Betroffenen, die du deinen Lesern vorstellen kannst.

Und schau auch in Social Media, was deine Leser gerade bewegt. Aber besser bewegst du sie mit etwas Neuem.

Du bist auf dem Weg zur Wochen-PK des Bürgermeisters vorhin an der jungen Frau vorbei gehetzt, die in der Fußgängerzone mit glockenheller Stimme vor begeisterten Passanten zur Gitarre singt – halte inne. Sie ist vielleicht der bessere Aufmacher als das Standard-Gerede des Politikers.

6. Sei flexibel, nicht vorhersehbar: Wenn du übermorgen wieder mit einem Straßensänger aufmachst, musst du noch einmal über Punkt 5 nachdenken.

7. Wenn du junge Leser gewinnen möchtest, musst du sie aufsuchen, wo sie sich aufhalten. Sie hassen Berufsjugendliche, die sich sprachlich ranwanzen, aber in Sachen Popkultur über Nick Hornby, Paul McCartney und „It’s Raining Men“ nicht hinauskommen. Wenn du denkst, mit den People-Meldungen über US-Sternchen und der gelegentlichen Rezension der Mainstream-Konzerte der örtlichen Freilichtbühne bedienst du die Jugend, täuschst du dich. Deine eigenen Kinder finden Künstler gut und gehen zu Konzerten, über die du nichts weißt, weil du auf Agenturmeldungen und Pressemitteilungen wartest, wo die Informationen allein über Whatsapp fließen.

Du verbringst Stunden in Ratssitzungen zur Ausstattung des örtlichen Jugendzentrums und fragst dich (und sie) nicht ein einziges Mal, warum zur selben Zeit, wie jeden Abend, zwanzig, dreißig Jugendliche mit Dosenbier an der Tanke abhängen.

Überhaupt: Wenn du über Jugend schreibst, dann meist als Problemfall. Drogen, Ladendiebstahl, Bildungsmisere, Komasaufen, an der Tankstelle rumhängen… Sie kommen in deinem Blatt schon als „Armutsrisiko“ zur Welt – warum also sollten sie dich lesen, wenn sie 16 oder 26 sind? Und bitte: Tu nicht so allwissend. Lies die Sachen, die du und deine Kollegen schreiben, bitte einmal mit den Augen eines 20-Jährigen. Putin, ein „Autokrat postsowjetischer Art“? Die EU, „keine Transfer-Union“? Was ist ein Autokrat, was ein Sowjet oder gar ein Postsowjet? Transfer – hä? Statt klugzuscheißen, solltest du jungen Menschen viel mehr erklären. Natürlich gerade auch im Lokalen. Woher soll dein neuer Leser wissen, wie die Dinge vor seiner Haustür exakt zusammenhängen, welche Geschichte sie haben und welche Menschen in der Region wichtig sind und warum, wenn ihm dein lokales Leitmedium dies nicht nahe bringt? Dies würde deinen selbst gefühlten Bildungsauftrag eher erfüllen, als der mit erhobenem Zeigefinger geschriebene Artikel über das schlecht besuchte Klassik-Konzert. Du wirst dich übrigens wundern, wie großartig auch die Alten deine Erklärstücke finden.

8. Gehe gezielt auf deine Wunschzielgruppe zu. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass interessierte Leser zu Käufern und Abonnenten werden, wenn sie sich niederlassen und von dir Kompetenz, faire lokale Meinungsführerschaft und Lebenshilfe erwarten können. Junge Familien werden heute von Menschen zwischen 30 und 45 gegründet. Füttere sie an, wenn sie heranwachsen, indem du sie ernst nimmst und abholst, wo sie sich befinden (s. Punkt 7), und widme dich dann ihren Themen: Infrastruktur (vor allem für Kinderbetreuung und Jugendliche), gib Lebensberatung (Job, Wohnen, Bauen, Pflege der Eltern und Großeltern), hilf ihnen, ihre Freizeit sinnvoll zu verbringen, und personalisiere die Geschichten exemplarisch mit Menschen aus ihrer Mitte.

9. Halte konsequent Distanz. Der Kotau vor dem Anzeigenkunden ist für den Leser genau so ersichtlich, wie er dir unangenehm ist. Er kostet dich das einzige Gut, das du im Tagesgeschäft hast: Glaubwürdigkeit. Ist sie dahin, kommst du nicht mehr auf die Beine.

10. Habe einen langen Atem. Richtigen Journalismus einzuführen, wo für Jahrzehnte Opportunismus üblich war, erfordert Mut und Nerven. Natürlich werden die Funktionäre, die mit ihren Verlautbarungen bisher die Zeitung bestimmen konnten, erst einmal Druck machen. Natürlich werden die „wichtigen“ Männer, die sich auf immer mehr Aufstellbildern Urkunden vor den Bauch halten, je älter sie werden, diese Bilder erst einmal vermissen. Aber du bleibst auf Linie, denn du willst aus deinem Blatt wieder ein Massenmedium machen. Es ist nicht damit getan, dass du das gleiche Zeug, das sich gedruckt immer schlecher verkauft, mit Bildergalerien und Videos garnierst und online stellst: Du musst auf allen Plattformen besser werden. Sei freundlich, aber bestimmt. Und mach die Zeitung stets so gut, dass der Erfolg für sich spricht. Und Erfolg heißt: Du gewinnst so viele zahlende Leser dazu, dass das Durchschnittsalter deiner Abonnenten nicht mehr weiter steigt. Du und dein Verleger müssen sich aber dessen bewusst sein, dass es gewagt wäre – zumal in ländlichen Gegenden –, mit steigender Auflage oder mit gewaltigem Mehrumsatz durch eine App zu rechnen.

Woher die Zeit nehmen?

Wenn du mich nun fragst, „Wie soll ich das bloß alles schaffen?“, so frage ich zurück: Was ist übermorgen deine wichtigste Geschichte? Womit machst du am nächsten Montag auf?

Hast du darauf noch keine Antwort (ich rechne mit keiner – du bist nicht allein), so habe ich eine für dich: Zeit tropft nicht aus der Uhr, du gewinnst sie durch Planung und klare Prioritätensetzung. Entscheide dich, welche Geschichten deine Top-Stories werden, und konzentriere deine Kraft vor allem darauf. Klar, im Internet sind deine Seiten endlos lang. Aber du musst und kannst nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Es sagt niemand, dass du die Zeitung mehr als einmal machen sollst. Das eine Mal reicht völlig, aber bitte: richtig. Und das geht nur, wenn du deine guten Geschichten nicht von jetzt auf gleich, immer mit Torschlusspanik, recherchierst und verfasst, sondern deine Themen vorausschauend entwickelst.    



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