Gefährlich harmloser Journalismus

Das Grundgesetz wird in dieser Woche 65. Für deutsche Verhältnisse hat sich die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ lange gehalten, die es begründete. Ob es noch einmal 65 Jahre werden? Die aktuelle Gefahr für die Demokratie ist eine leise, schleichende. Sie hat mit Unternehmern zu tun, denen die vier Mütter und 61 Väter des Grundgesetzes ein wertvolles Gut in die Hände legten: Die Pressefreiheit gehört in Deutschland den Verlegern, denn die bestimmen wirtschaftlich und der politischen Tendenz nach, was in der Zeitung steht.

Es war einst kein Zufall, dass gleichzeitig mit dem Vereinswesen, den Parteien und der kommunalen Selbstverwaltung das Massenmedium Presse entstand – sie ist das Forum der modernen bürgerlich-liberalen Gesellschaft, die sich seinerzeit zuerst örtlich und punktuell emanzipierte. Im Schutz des Grundgesetzes droht diese Gesellschaft sich nun von der Presse an ihrer lokalen Basis her aufzulösen, in einem genau umgekehrten Prozess. Die Verleger sind mit der kostbaren Freiheit, die sie seit 65 Jahren genießen, nicht immer gut umgegangen.

Wer nicht vorkommt, existiert nicht

Die Gesamtauflage der Zeitungen ist in den vergangenen 25 Jahren um ein Drittel gesunken. Der Anzeigenmarkt befindet sich ebenfalls im freien Fall. Überregional ging mehr verloren als im Lokalen, da das lokale und regionale Geschehen politisch und wirtschaftlich wegen der föderalen Struktur unseres Landes eine hohe Bedeutung hat. Überdies gibt es bislang keine nennenswerten Alternativen zur Zeitung, wenn es um die lokale oder die regionale Öffentlichkeit geht. Dort gilt meist noch immer: Wer nicht im örtlichen Blättla vorkommt, existiert nicht.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) beschwört indessen seit Jahren, es habe – dank Internet – nie mehr Leser für die Hervorbringungen von Zeitungsredaktionen gegeben. Das ist richtig. Doch gibt es kaum ein Regionalblatt, dessen Online-Traffic sich in größerem Umfang auf anderes als auf Unfallgeschehen und Polizeimeldungen bezieht. Das Durchschnittsalter der sinkenden Zahl zahlender Leser liegt unterdessen bei Mitte 60, Tendenz steigend.

Die Verlage schaffen es nicht, genug jüngere Leser mit Bezahlprodukten zu erreichen, um das Durchschnittsalter bei stagnierender oder um den demografischen Faktor leicht sinkender Auflage stabil zu halten.

Jüngere Leser: Menschen unter 55.

Sparen ist angesagt, in ganzen Regionen entstehen publizistische Monokulturen, wo einst Vielfalt herrschte. Etwa in Franken. Dort wird die brave Coburger „Neue Presse“, die 2010 bereits ihren eigenständigen Mantel aufgab, künftig für zwei ihrer vier Lokalredaktionen von Ablegern der Konkurrenz, der Mediengruppe Oberfranken in Bamberg*, lokale Inhalte beziehen, wurde diese Woche bekannt gegeben. Die Bamberger wiederum, im Gegensatz zur sozialdemokratischen Gründung „Neue Presse“ auf CSU-konformem Kurs, beziehen seit einigen Wochen ihren Mantel aus Würzburg, wo er von der Redaktion der „Mainpost“ aus Material ihrer Verlagsmutter „Augsburger Allgemeine“ zusammengepuzzelt wird. Aus diesem Material bestückt auch der – im Lokalen derzeit sehr muntere – „Nordbayerische Kurier“ in Bayreuth seinen Mantel, gestaltet ihn aber immerhin regionalisiert selbst. Damit haben die publizistisch weitgehend anspruchslosen „Nürnberger Nachrichten“ die letzte eigenständige Vollredaktion im Nordosten Bayerns.

Aufgestellte Honoratioren

Niemand habe ein Rezept dafür, wie man das Publikum noch erreichen könne, heißt es seit Jahren unter Verlegern (und auch in Redaktionen) begütigend. Doch müsste man schon recht weit hinterm Mond wohnen, um im vergangenen Jahrzehnt die vielkolportierten Ergebnisse der „Readerscan“-Leseverhaltensforschung oder auch die immer wieder vorgeführten Beispiele erfolgreicher Zeitungen aus Norwegen, Schweden, den Niederlanden, Portugal und Spanien verpasst zu haben. Leser, gerade die jüngeren, die sich praktisch ständig Medieninhalten aussetzen, wollen (und zahlen für) einen konsequent unabhängigen, kritischen und fairen Journalismus, der in Text, Foto und Grafik alle Mittel zeitgemäßen journalistischen Storytellings einsetzt. So arbeitet in Deutschland seit Jahren konsequent nur die „Zeit“ – und ist damit erfolgreichstes Blatt hierzulande, mit stetigem Zuwachs an zahlenden Lesern.

Dabei ist Gutes gar nicht so rar im Regional- und Lokaljournalismus. Es fehlt jedoch sehr oft an der Konsequenz, faule Kompromisse mit den herkömmlichen, mit gestellten Gruppenbildern örtlicher Honoratioren garnierten Verlautbarungen nicht einzugehen oder auf das Einerlei der Agenturnachrichten weitgehend zu verzichten. Solche Kompromisse sind Lesergift, sie wirken gerade auf das jüngere Publikum abschreckend.

Unter den Regionalblättern scheint sich immerhin der „Nordkurier“ in Neubrandenburg derzeit aus dem Korsett zwanghaften Downsizings zu befreien. Er stellt seinen Mantel wieder selbst her und gewinnt damit die Möglichkeit zurück, überregionale Themen möglichst oft lokal anzubinden – ein Erfolgsfaktor, zeigt das Lesermarketing. Auch auf dem schwierigen Markt des „Nordkurier“ im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern, ist aus der Redaktion zu hören, zeigen sich seit Beginn einer Qualitätsoffensive im Lokalen erste gute Auswirkungen auf die Auflageentwicklung.

Nachdenken über Schleichwerbung

Freilich muss man guten Journalismus bezahlen wollen und den Atem haben, darauf zu warten, dass er sich bezahlt macht. Die „Neue Presse“ wirft als „Zombie-Zeitung“ (wie der „Kress report“ einfühlsam titelte) wahrscheinlich mehr Gewinn ab als jemals zuvor. Jeder kann sich ausrechnen, was es vor ein paar Jahren bei der „Westfälischen Rundschau“ gebracht haben muss, die Redaktion von über hundert auf nicht einmal zehn Redakteure zu reduzieren. Solche „Reformen“ sind allemal billiger zu haben und zudem konfliktfreier durchzusetzen, als in einem mühsamen Change-Prozess und gegen die Interessen örtlicher Stakeholder aus einem eben noch opportunistischen Lokalblättchen ein tägliches Magazin skandinavischer Machart zu profilieren, um sich für den Lesermarkt der Zukunft zu rüsten, statt der Anzeigenkrise nach- und damit die Öffentlichkeit preiszugeben. Große Hurra-Effekte sind zudem nicht zu erwarten: Erfolgreich ist schon, wer nicht mehr an Auflage verliert, als demografisch erwartbar ist.

Auch wo die Einschnitte nicht so tief sind, buhlt man daher verschärft um die örtlichen Anzeigenkunden und die einflussreichen Hauptfiguren der regionalen Eliten, wird um den Preis der eigenen Glaubwürdigkeit immer weniger verschämt über „Advertorials“ und „Native Advertising“ nachgedacht, also Anzeigenformate, die vor Kurzem noch als (zu nah an) Schleichwerbung klar abgelehnt wurden. Reformen sind nicht der Weg der Wahl.

Transparenzfreie Zonen

Vielerorts vertieft sich so schleichend der Graben zwischen örtlichen Eliten auf der einen Seite und der (jüngeren) Bevölkerung auf der anderen. Die Jüngeren verstehen sich zurecht als gut informiert, aber informieren sich im Internet eben nur aus überregionalen Medien. Unterdessen entsteht vor ihren Haustüren mit Hilfe eines gerade für jüngere, zumeist medienerfahrene und -affine Menschen ungenießbaren Lokalblatts alter Machart unbemerkt eine wachsende Zone weitgehend ohne Transparenz. In der biederen Harmlosigkeit inspirationslosen, kostenreduzierten Lokaljournalismus’ liegt die Gefahr, dass die demokratische Öffentlichkeit lokal erst verschwimmt und dann verschwindet.

Verschärft wird dies noch durch die Tendenz, dass Behörden, Unternehmen und Interessenvertreter von Parteien und Verbänden sich im Internet mit eigenen Medien direkt an das Publikum wenden. Diese inhaltlich von Eigeninteressen und Marketing getriebene Propaganda ist oft besser gemacht und wirkt auch journalistisch hochwertiger als der Journalismus, der im Durchschnitt der Lokalblätter geboten wird. Die Machtbasis der neuen Feudalherren ist nicht mehr Grundbesitz, sondern die Reichweite dieser PR bis zur ersten kritischen und unabhängigen Nachfrage. Kompromisslos guter Lokaljournalismus beweist daher Verantwortung für die Demokratie.

Joachim Widmann

*Der Verfasser war dort 2010-2011 Chefredakteur



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